Keine Poetik

(1) Über das Schreiben schreiben
Die folgenden Gedanken kreisen ungeniert um meinen eigenen Bauchnabel. Ungeniert meine ich ganz wörtlich: Sie erheben weder den Anspruch ausgereift, noch vollständig zu sein. Sie haben etwas mit meinem Kindheitstraum zu tun, mal eine große Schriftstellerin zu werden und mit der Frage, warum ich eigentlich schreibe oder auch nicht schreibe. Dieser Text ist allerdings keine Poetik!

(2) Schreibend leben
Es gehört zu einer guten Dichterbiografie, daß Phrasen fallen wie "zum schreiben verurteilt" oder "kann nicht anders als Schreiben", usw. Irgendwie wirkt es wie Schicksal, ein schreibender Mensch zu sein. Jedenfalls kam ich beizeiten zu dem Schluß, daß man nur eine wahre Schriftstellerin sei, wenn man sowieso keine andere Chance hat. "Schreiben müssen" als Indikator für das echte Künstlertum. Ich entschloß mich, einen anderen Beruf zu ergreifen. Ich schrieb zwar sehr gerne und sehr viel und das seit meinem 6. Lebensjahr, aber wenn eine gute Fee mich vor die Wahl gestellt hätte, ob ich z.B. lieber auf leckeres Essen oder lieber auf´s Schreiben verzichten wollte... Kurz: Ich fand mich doch zu irdisch veranlagt. Allerdings ich habe Phasen erlebt, in denen es tatsächlich das Schreiben war, ohne das ich nicht hätte leben können. Nur waren das eher Phasen, in denen ich unglücklich war. Wenn ich in irgendwelche Sümpfe falle, dann ist schreiben manchmal der einzige Weg, da wieder rauszukommen. Schreibend die Lage durchdenken, schreibend erkennen was los ist, schreibend Wege suchen, mich schreibend in Larmoyanz suhlen, schreibend einen Sinn finden, auch mal lesend zurückblättern und die roten Fäden aufspüren - manchmal verstehe ich nicht, wie andere ihr Leben ohne das bewältigen. Aber: mit Künstlertum hat diese Form des Schreibens bei mir nichts zu tun. Ich schreibe wüst und formlos und ohne jeglichen Gedanken an die Wortwahl. Echte Künstler müssen dann wohl die sein, die in solchen Situationen Inhalt und Form in Einklang bringen können und zudem Inhalte aufspüren, die andere Leute interessieren. Wer will schon Gejammer lesen? Möglicherweise ist es ja tröstlich, sich Arbeit zu geben, sich zum Feilen zu zwingen, sich abzulenken. Möglicherweise.

(3) Schreiben mit gestohlener Zeit
Andere Phasen, in denen ich das Schreiben wirklich brauche, sind die, in denen mein Leben überquillt: zuviele Projekte gleichzeitig, zu viele Entscheidungen zu treffen, Beziehungen zu klären, Ängste zu bewältigen. Dann muß ich schreiben, um abzulegen. Schicht um Schicht auf´s Papier, um Raum für die Dinge zu schaffen, die ich wirklich zum Leben brauche: Schlafen, essen, lieben. Manchmal schöpf ich Hoffnung, doch eine Künstlerin zu sein, denn ausgerechnet wenn mein Kopf besonders voll ist, kommen noch Ideen für Geschichten oder Gedichte dazu. Das ist ein seltsamer Mechanismus. Ich habe eine Idee, die wirklich gut ist, und sie taucht garantiert dann auf, wenn ich kein Land sehe und nicht weiß, woher ich die Zeit nehmen soll, mich an die Ausarbeitung zu machen. Mein Unterbewußtsein rückt mir also Arbeit und Ausrede gleichzeitig ins Blickfeld. Der Verdacht liegt nahe, daß sich wahres Künstlertum in der Fähigkeit zeigt, sich freizuschaufeln. Diese Ideen wichtiger zu nehmen als alles andere, vor allem als das tägliche Brot und die Verantwortung für andere Menschen. (Damit wäre nebenbei auch gleich ein Lösungsansatz für die Frage gefunden, warum - sowohl meiner als auch der literaturgeschichtlichen Erfahrung nach - zwar mindestens genauso viele Frauen wie Männer schreiben, Schriftsteller im Sinne von "berühmt" aber viel mehr Männer werden...) In seltsamem Widerspruch dazu steht meine Erfahrung, völlig unproduktiv zu sein, wenn der Freiraum zum Schreiben tatsächlich vorhanden ist. Zum Beispiel habe ich ein Studium abgebrochen, um in Ruhe eine Drehbuch ausarbeiten zu können. Ich habe noch nie in meinem Leben so viel geschlafen, wie zu jener Zeit. Es gab nichts Quälenderes als die Vorstellung eines ganzen, leeren Tages und des Schreibtischs, die auf mich warteten. Und die größte Leistung an meiner Magisterarbeit scheint mir bis heute die Disziplin zu sein, mit der ich sie fertig geschrieben habe. Das Schreiben geht mir besser von der Hand, wenn ich mich als Diebin in meinen Alltag schleiche, um mir selbst die Zeit zu stehlen.

(4) Das Schreiben ist kein Beruf
In diesem Sinne bin ich sehr einverstanden mit dem folgenden Zitat von Sherwood Anderson: "Das Schreiben ist kein Beruf. Wenn es zum Beruf wird, geht ein gewisser amateurhafter Geist verloren. Wer mag den schon einbüßen?"
Eigentlich alle, die ich kenne und die das Schreiben ernst nehmen, nehmen es sehr ernst. Sind eifrig darum bemüht, den "amateurhaften Geist" zu verscheuchen. "Dilettant" ist ein Schimpfwort, bei dem mich die Herkunft wirklich interessieren würde! War es immer schon negativ konnotiert? Wer sich hierzulande als Autor(in) fühlt ist eifrig darum bemüht, sich abzuheben von den Gelegenheitsschreibern, den blutigen Anfängern und den Betroffenheitsschreibern.
Auch ich bemühe mich, in der Öffentlichkeit das lyrische Ich möglichst gut deckend vor das betroffene Ich zu schieben. Was hindurch scheint, das muß distanziert und künstlerisch verfremdet sein. Der Schritt zur Seite ist es, der den Profi vom Amateur unterscheidet. Wieso kann Anderson dann behaupten, diesen amateurhaften Geist wolle niemand einbüßen? Ich glaube, es hat etwas mit dem Spaß zu tun, der vom Ehrgeiz leicht erdrückt werden kann. Ein Amateur, zumindest einer, der sich fröhlich dazu bekennt, einer zu sein, braucht das Schreiben nicht ernst zu nehmen. Er muß seine Selbstbestätigung nicht, oder zumindest nicht ausschließlich, aus dem Schreiben ziehen.
Anderson meint weiter: "Der Mensch muß arbeiten. Er kann nicht einfach Erzähler von alten Geschichten sein. Er muß irgendwo einen Platz finden, der ihm angemessen ist." Tatsächlich kenne ich das Phänomen, immer schlechtere und vor allem immer weniger Texte zu schreiben, je mehr ich mich als Autorin ("freie Schriftstellerin") definiere. Die Vorstellung, zu nichts zu taugen, außer zum Schreiben, macht aus jedem Schritt in die Öffentlichkeit einen Alptraum. Was, wenn sich herausstellt, daß ich keine gute Autorin bin? Trotz der angestrengt hergestellten Distanz zwischen lyrischem und betroffenen Ich scheinen sich die Texte in dieser Situation immer mehr mit meiner Person zu decken. Wer meine Texte kritisiert, stellt nicht sie in Frage, sondern meinen Wert. Da werde ICH kritisiert! Eine schlechte Voraussetzung für ein ernsthaftes Arbeiten am Text. Wie soll ich weiterentwickeln, was ich nicht testen kann? Definiere ich mich dagegen über andere Lebensbereiche (Seminarleiterin, Arbeitnehmerin, Salonière, Mutter usw.) und bekomme in diesen Bereichen Anerkennung, tritt das Schreiben in den Hintergrund. Siehe da: es geht plötzlich wieder. Anderson: "[...] Ganz gewiß hilft sie [die Arbeit] einem dabei, das Bewußtsein vom eigenen Ich abzuziehen."
Genau! Bewußtlos schreiben geht am Besten. Nicht umsonst konsumieren ja bekanntermaßen alle Künstler Drogen!

(5) Künstlerklischees
Und damit bin ich auch schon beim nächsten Punkt: dem Künstlerklischee. Wenn ich von meinen Schreibkursen erzähle, höre ich immer wieder: "Ach so, schreibende Hausfrauen und so." Literarisches Schreiben ist, zumindest in Deutschland, offenbar nur wertvoll, wenn es von Künstlern praktiziert wird. Zu welchen Problemen das führen kann, zumindest in meinem Fall, ist oben bereits ausgeführt worden. Hausfrauen haben zwar auch ein Recht zu schreiben, aber mit mitleidigem Lächeln als Reaktion müssen sie rechnen. Natürlich gibt es schreibende Hausfrauen, die schlechte Texte furchtbar inbrünstig vortragen und sich wie Goethes Wiedergängerin aufführen. Viel öfter bin ich aber schreibenden Männern begegnet, die schlechte Texte mit einer bestaunenswerten Arroganz vortrugen. Sie zeichnen sich oft dadurch aus, daß sie einen Habitus an den Tag legen, der sie weit weg von den Hausfrauen und eng in die Nähe der Bohème rückt. (Und selbst bei etlichen, deren Texte ich gut finde, gehört die Arroganz zum Auftritt wie der Deckel zum Buch.)
Es gibt gewisse Posen, die gehören zum Schriftsteller und passen nicht zur Hausfrau. Ursula LeGuin bringt diese Thematik auf den Punkt: "Auf welcher ethischen Grundlage beruht diese Be- und Verurteilung der Hausfrau-Künstlerin? Auf einer sehr noblen und hehren, auf einer religiösen Grundlage: es ist die Idee, der Künstler müsse sich für sein Kunst opfern. Er ist allein seinem Werk verantwortlich. Das ist die Leitidee der Romantik, die sich durch Dichterkarrieren von Rimbaud bis Dylan Thomas zieht, sie hat uns Hunderte Heldenfiguren geliefert, für die James Joyce selbst und sein Stephen Daedalus besonders typisch sind. Stephen opfert alle seine "niedrigen" Verpflichtungen und Gefühle für eine "höhere" Sache und gibt sich der moralischen Verantwortungslosigkeit des Soldaten oder Heiligen hin. Diese Haltung, die Gauguin-Pose, gilt als heroische Haltung - als dem Künstler angemessen - , und Künstler, Männer wie Frauen, die sie nicht einnehmen, tendieren dazu, sich ein wenig schäbig und zweitranrig vorzukommen." "Schäbig und zweitrangig" - Es ist eben gar nicht so leicht, fröhlicher Amateur zu sein. Zumal sich zu den überlieferten Künstlerklischees inzwischen neue gesellen: Wer in Berlin lebt und schreibt und mit dreißig noch nicht debütiert hat, hat irgendwas verkehrt gemacht. Als Frau erst recht, suggeriert doch das Feuilleton, daß jungen Schriftstellerinnen endlich wieder alle Wege offen stehen.

(6) Schreiben und Ruhm
Die Vorstellung, Schriftsteller(in) zu sein, ist offenbar sehr attraktiv, obwohl (oder gerade weil) sie zusammenhängt mit dem Bild von Spitzwegs "armen Poeten". Anders läßt sich der Erfolg von Verlagen nicht erklären, die allein von Druckkosten"zuschüssen" ihrer Opfer leben. Ist es die Hoffnung auf Ruhm oder ist es ein starkes Sendungsbewußtsein, das hinter dem unbedingten Wusch steht, die eigenen Worte gedruckt zu sehen? Ich denke, vieles hängt auch mit dem oben dargestellten Problem zusammen, hierzulande als schreibender Mensch nur akzeptiert zu werden, wenn man ein "echter" Schriftsteller ist. Und echte Schriftsteller veröffentlichen nunmal. Im übrigen wird das Schreiben als ewiges Selbstgespräch irgendwann langweilig. Wenn man zu den Menschen gehört, die nicht leben können, ohne sich selbst schreibend zu begleiten, beschleicht einen dann und wann das Gefühl, an einer besonderen Behinderung erkrankt zu sein. Wenn man dagegen schreibt, um damit berühmt zu werden,kriegt das ganze einen Sinn. Sinnlos vor sich hinzuschreiben ist also nicht akzeptabel. Auch wenn der Sinn des Tagebuchschreibens ist für mich ganz persönlich manchmal offensichtlich ist - siehe oben. Grob zusammengefaßt könnte man diesen Sinn des Schreibens auch als "therapeutisch" bezeichnen. Das klingt allerdings sehr pathologisch und trägt nicht unbedingt zur Steigerung des Selbstbewußtseins bei.
Wenn ich ehrlich bin, ist das Schönste am Schreiben für mich der Moment, indem ich in Fluß komme. Dieser Moment existiert unabhängig davon, was für einen Text ich schreibe. Tagebuch oder Lyrik, Essay, Brief oder Kurzgeschichte - wenn ich den ersten Widerstand überwunden habe und mich ins Schreiben vertiefe, habe ich irgendwann später (die Zeit ist außer Kraft gesetzt) einen roten Kopf und freue mich. Das ist es. Nicht der Ruhm. Allerdings vergesse ich diese simple Tatsache immer wieder. Warum?

© Katrin Girgensohn, 2001

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