Schreiben in der Gruppe

Zusamenfassung der Magisterarbeit "Schreiben in der Gruppe - Untersuchungen zum Phänomen des 'kreativen Schreibens'":

Im Rahmen dieser Arbeit wurden im ersten Teil die dem Thema zu Grunde liegenden Disziplinen beleuchtet.
Im Bereich der Schreibforschung wurde zunächst festgestellt, daß die Forschung ihr Augenmerk inzwischen mehr auf die Prozesse des Schreibens richtet als auf die fertigen Texte. Diese Entwicklung beruht auf der Feststellung, daß Schreiben nicht nur vom Talent der einzelnen Menschen abhängt, sondern in weiten Teilen lernbar und damit auch lehrbar ist. Die Schreibprozessforschung untersucht, wie Schreibprozesse ablaufen, von welchen Faktoren sie beeinflußt werden und wie sie sich sinnvoll unterstützen lassen. Es wurden mehrere Modelle der Schreibprozessforschung vorgestellt.
Lehrmodelle des Schreibens müssen berücksichtigen, daß Schreiben immer in Abhängigkeit von der Zielstellung und dem Schreibenden betrachtet werden muß. Grundsätzlich gibt es daher verschiedene Möglichkeiten, Schreibprozesse anzugehen. Es ist deshalb aus didaktischer Sicht wichtig, den Lernern diese verschiedenen Möglichkeiten zu vermitteln, damit sie sich die ihnen entsprechenden auswählen können. Eine einseitige Vermittlung bestimmter Techniken (z.B. der "rhetorischen Methode" in der Schule) verfestigt unter Umständen einseitige Prozeduren des Schreibens, die zukünftig zum Lösen jeglicher Schreibaufgaben eingesetzt werden. Um Schreibblockaden beim Verfassen verschiedenster Texte mindern zu können, sollten möglichst viele verschiedene Prozeduren des Schreibens vermittelt werden.
Mit den Prozessen ist auch die heuristische Funktion des Schreibens weiter ins Blickfeld der Forschung gerückt. Schreiben wird nicht mehr nur als Möglichkeit betrachtet, bereits Gedachtes zu formulieren, sondern es wird als Mittel des Denkens genutzt. Erst beim Schreiben entstehen bestimmte Ideen, die in den Text einfließen werden. Schreiben eignet sich daher hervorragend als Medium für ein autonomes Lernen. In dieser Funktion sollte es bewußter gefördert werden.
Wilhelm Gössmann hat festgestellt, daß das Schreiben den Kontakt zur inneren Sprache braucht. Schreiben läßt sich daher am Besten schreibend lernen. Da die innere Sprache ein Garant für die Persönlichkeit des einzelnen Menschen ist, kann Schreiben auch als ein Mittel der Persönlichkeitsbildung betrachtet werden. Diese Funktion des Schreibens spielt vermutlich bei vielen Schreibprojekten eine Rolle. Ein Scheitern an Schreibaufgaben ist daher oft mit Zweifeln an der eigenen Person gekoppelt. Umso wichtiger ist also eine gezielte Schreibförderung.
Lesen ist für die Schreibförderung ebenfalls wichtig. Es bereichert die innere Sprache mit Bildern und schärft den Sinn für Textstrukturen.
Zu Schreibprozessen in Gruppen gibt es bisher wenig Untersuchungen. Es konnte aber festgestellt werden, daß sich die Anwesenheit einer Gruppe positiv auswirken kann. Eine Gruppe verbindet beispielsweise den Monologcharakter des Schreibens mit einigen Potentialen der mündlichen Sprache. Weitere die Gruppe betreffende Aspekte wurden im Kapitel über Gruppendynamik erläutert.

Zusammenfassend kann gesagt werden, daß es sinnvoll wäre, kreative Schreibgruppen verstärkt in die Schreibforschung einzubeziehen um deren Potentiale für die Schreibdidaktik zu nutzen. Umgekehrt ist es wichtig, daß sich die Leiter solcher Gruppen mit den Ergebnissen der Schreibforschung auseinandersetzen, um sie in ihre Methodik einzubeziehen.

Es folgte ein Überblick über die Geschichte der Kreativitätsforschung und ein Abriß verschiedener Kreativitätsmodelle. Eine Definition von Kreativität als vom Gewöhnlichen abweichendes Denken wird gestützt von Erkenntnissen der Gehirnforschung. Das menschliche Gehirn ist in zwei Hemisphären geteilt, die für verschiedene Herangehensweisen an ein Problem zuständig sind. Unsere Sozialisation fördert in erster Linie die linkshemisphärische Problemlösung, die vereinfacht gesagt als rational, linear und abstrakt bezeichnet werden kann. Die für Bildlichkeit, Analogien, Klänge und Emotionen zuständige rechte Hemisphäre muß aber mit der linken Hälfte zusammenarbeiten, damit das Gehirn optimal genutzt wird. "Kreative Methoden" der Schreibförderung müßten also besonders die rechte Hemisphäre einbeziehen. Herangehensweisen wie das "Cluster", das "Mindmap" und andere sind dafür entwickelt worden. Da die grammatisch-logischen Sprachstrukturen in den Bereich der linken Hemsiphäre fallen, kann es hilfreich sein, andere Ausdrucksmedien einzubeziehen, um Schreibprozesse anzustoßen. Solche Ausdrucksmedien sind zum Beispiel Malen, Plastizieren (mit Ton, Gips, Sand, u.ä.), darstellendes Spiel, Musik oder die Stimme. Auch Körperarbeit und Meditation unterstützen kreative Schreibprozesse. Schreibgruppen sind schon deshalb eine kreative Herangehensweise, weil sie mehrere Menschen an individuellen Schreibprozessen teilhaben lassen und damit die Abstraktheit der geschriebenen Sprache ergänzen. Außerdem lassen sich die oben erläuterten "ungewöhnlichen" Impulse für das Schreiben oft in Gruppen leichter einbeziehen.

Zusammenfassend betrachtet lassen sich viele Erkenntnisse aus der Kreativitätsforschung sinnvoll mit dem Schreiben koppeln. Es muß aber davor gewarnt werden, Kreativität als ein Allheilmittel zu betrachten.

Um den Einfluß von Gruppen auf Schreibprozesse deutlich zu machen, wurden im nächsten Abschnitt dieser Arbeit Grundlagen der Gruppendynamik in Bezug auf Schreibgruppen erläutert. Dabei wurde festgestellt, daß eine Gruppe für Schreibprozesse hilfreich sein kann, wenn bestimmte Regeln eingehalten werden. Diese lassen sich zum Beipiel aus dem Modell der Themenzentrierten Interaktion nach Ruth Cohn ableiten. Zur Lösung einiger Schwierigkeiten, die sich durch die Gruppendynamik ergeben können, läßt sich gut das Schreiben selber einsetzen.

Im zweiten Teil der Arbeit wurde ein Überblick über verschiedene Arten kreativer Schreibgruppen gegeben. Dafür war es zunächst nötig, die Entwicklung solcher Gruppen darzustellen.
Diese Darstellung begann mit einem Exkurs zum "creative writing" in den USA, von dem der deutsche Begriff des kreativen Schreibens abgeleitet worden ist. In den USA wird das Schreiben als Ausdrucksmittel und als Lernmedium deutlich stärker gefördert als in Deutschland. Die "writing across the curriculum"-Bewegung, die das Schreiben in allen universitären und auch beruflichen Bereichen etabliert hat und die Methodik ständig weiterentwickelt, ist besonders hervorzuheben. Die deutsche Hochschuldidaktik sollte solche Impulse stärker einbeziehen. In den hochschulpolitischen Debatten der letzten Jahre wurden amerikanische Modelle in Bezug auf verschiedene Abschlüsse oder Studiengebühren oft herangezogen. Der innovativen Lehre, in der das Schreiben eine zentrale Stellung einnimmt, wurde jedoch kaum Beachtung geschenkt.
Deutsche Schreibgruppen können aber nicht nur mit der amerikanischen Schreibentwicklung erklärt werden. Wichtig sind auch europäische Wurzeln, die im nächsten Abschnitt dargestellt wurden. Trotz des in Europa für das literarische Schreiben verbreiteten Geniegedankens gab es viele Formen der literarischen Geselligkeit. In den literarischen Gesprächsspielen der Renaissance, in den Salons und anderen Gruppen wurde Literatur auch als Kommunikationsmittel betrachtet.
Dieses Potential des Schreibens spielte auch bei der Entwicklung von (Laien-) Schreibgruppen seit den sechziger Jahren in der BRD eine Rolle. Ausgehend von dem Gedanken, eine Literatur für alle, auch für die Arbeiter zu machen, entwickelte sich die Forderung, Arbeiter selber schreiben zu lassen. In den siebziger Jahren gab es viele Gruppen, die die Institutionalisierung von Kultur kritisierten. Sie bezogen die Forderung, selber zu schreiben, nicht mehr länger auf die Arbeiter, sondern auf alle Bevölkerungsgruppen. Produktion und Rezeption von Literatur sollten zusammenspielen. Besonders die Frauenbewegung nutzte die Feststellung "Schreiben kann jeder". Frauen begriffen das Schreiben auch als Mittel der Emazipation. Die "authentische Literatur" der siebziger Jahre in der BRD und die Schreibgruppen beeinflußten sich gegenseitig, so daß sogar von einer "zweiten Kultur" der Schreibgruppen die Rede war. Seit den achtziger Jahren kursiert Begriff des kreativen Schreibens in Bezug auf Schreibgruppen. Es gab Vernetzungstreffen verschiedener Schreibgruppen. Zusammenschlüsse wie der "Segeberger Kreis" formierten sich. Das öffentliche Interesse ließ jedoch nach, denn von einer "zweiten Kultur" ist inzwischen nicht mehr die Rede.
Bei einer Betrachtung dieser Entwicklung stellt sich die Frage, warum dem kreativen Schreiben in der Öffentlichkeit inzwischen weniger Bedeutung beigemessen wird als in den siebziger Jahren. Ein Grund dafür könnte sein, daß das Schreiben damals oft in Verbindung mit Ideologien propagiert wurde, die inzwischen nicht mehr die gleiche Bedeutsamkeit haben. Hinzu kommt, daß in vielen dieser Gruppen besonders der Selbsterfahrungscharakter des Schreibens betont wurde. Dieser Aspekt ist aber vor allem für die Schreibenden selber von Bedeutung. Die Texte, die in solchen Schreibrunden entstehen, sind für Außenstehende nur eine Zeitlang interessant, dann wiederholen sie sich. Da die Bewertung solcher Gruppen (z.B. in Feuilletonbeiträgen) stark auf die Texte ausgerichtet ist, ließ das Interesse an ihnen nach.
Möglicherweise hat auch der Begriff des kreativen Schreibens zu dem nachlassenden Interesse beigetragen. Er vereint so viele verschiedene Zielstellungen des Schreibens, daß es für Außenstehende schwer ist, sich darunter etwas vorzustellen. Auf diesen Punkt wurde bei der Darstellung der aktuellen Situation genauer eingegangen.
Parallel zu dieser Entwicklung in Westdeutschland wurden in der DDR schreibende Laien von offizieller Seite stark unterstützt. Der "Bitterfelder Weg" forderte seit 1959 eine "Bewegung schreibender Arbeiter". Theoretische Überlegungen über den Sinn und die Unterstützung einer Laienkultur begleiteten diese Bewegung. Der Bildung von Gruppen (Zirkeln) wurde große Bedeutung beigemessen. Obwohl im Laufe der Zeit das offizielle Interesse an der Laienkultur nachließ, gab es in der DDR viele literarische Schreibzirkel und Unterstützung für Schreibende. Im Vergleich zur BRD waren die Zirkel allerdings eher autoritär geführt. Der literarischen Form der Texte wurde mehr Bedeutung beigemessen als in den auf Selbsterfahrung ausgerichteten Schreibgruppen auf der Westseite. Es ist schade, daß die Ideen zu einer literarischen Laienkultur mit dem Ende der DDR untergegangen sind. Bestrebungen, literarisch ambitionierte Laien gezielt zu unterstützen sind ebenso wichtig wie die (wenigen) Versuche in der DDR, Leiter von Schreibzirkeln auszubilden und Lehrmaterialen zu entwickeln.

Um einen Überblick über die Vielfalt momentan nebeneinander existierender Schreibgruppen zu geben, wurden diese zu vier Richtungen zusammengefaßt. Diese Einteilung ist ein theoretisches Modell. In der Praxis lassen sich die wenigsten Gruppen genau einer der Richtungen zuordnen. Literarisch-stilistische Gruppen, Runden literarischer Geselligkeit, Gruppen die das Schreiben als Medium benutzen, um sich mit selbst gewählten Themen zu beschäftigen und Gruppen die einen integrativen Ansatz verfolgen fallen unter den Oberbegriff des kreativen Schreibens. Dieser Begriff erweist sich dadurch als sehr ungenau. Jeder, der kreatives Schreiben vermitteln will und entsprechende Gruppen anbietet, sollte seinen Ansatz daher genauer kennzeichnen. Es kann dem kreativen Schreiben insgesamt nur dienen, wenn die verschiedenen Richtungen kenntlich gemacht und als solche bekannt werden. Erst eine Akzeptanz der unterschiedlichen Ansätze ermöglicht es ihren Vertretern, in einen fruchtbaren Dialog miteinander zu treten. Darüber hinaus ist es möglich und nötig, daß sich die unterschiedlichen Richtungen gegenseitig Anregungen geben.

Die Ideen der kreativen Schreibgruppen kann man nicht nur für sich stehend betrachten. Sie sind daher in einen allgemeinen Kontext eingebettet worden. Drei Problemfelder wurden dabei beispielhaft dargestellt.

Zum einen läßt sich Kultur als Spiel begreifen. Eine Schreibgruppe weist alle Kennzeichen eines Spiels auf. Die Dichtung selber beruht ebenfalls auf Spielformen. Schreibgruppen erfüllen daher eine wichtige Kulturfunktion, sie bedienen das Bedürfnis vieler Menschen nach Spiel. Als Spiel erlebt wird die Dichtung außerdem zu ihren Urpsrüngen zurückgeführt, denn auch sie hat sich aus spielerischen Begegnungen entwickelt. Eine solche Sichtweise auf kreative Schreibgruppen kann speziell die Runden literarischer Geselligkeit aufwerten, deren Kritiker ihre Bedeutung bislang nur an den entstehenden Texten gemessen haben.

Anschließend wurden die kreativen Schreibgruppen im Kontext der elektronischen Medien betrachtet. Dabei wurde festgestellt, daß sie durchaus Defizite ausgleichen können, die sich aus der Verbreitung von Rundfunk, Fernsehen und Internet ergeben. Andererseits müssen Schreibgruppen sich der Realität dieser Medien stellen und sie, wenn sie gesellschaftlich relevant sein wollen, einbeziehen. Die neuen Techniken bergen für kreative Schreibgruppen Chancen, die man zusammenfassend als Möglichkeit einer Demokratisierung von Literatur bezeichnen kann. Internet, Textverarbeitungsprogramme und neuere Reproduktionsverfahren erleichtern die Publikation von Texten. Schreibgruppen ergänzen die technischen Möglichkeiten, indem sie dazu beitragen, daß sie mit Inhalten gefüllt werden.

Schließlich wurden die Potentiale erläutert, die kreative Schreibgruppen für die Wissenschaft im allgemeinen und die Literaturwissenschaft im besonderen bergen. Schwierigkeiten mit dem Verfassen wissenschaftlicher Texte gehören zu den häufigsten Gründen für Verzögerungen des Studiums und für Studienabbrüche. Kreative Schreibgruppen können die Defizite vieler Studierender beim wissenschaftlichen Schreiben ausgleichen. Sie können außerdem dazu beitragen, daß wissenschaftliche Texte ansprechender formuliert werden. Drittens können Studierende in kreativen Schreibgruppen lernen, Schreiben als ein Lernmittel zu benutzen. In der Literaturwissenschaft können kreative Schreibgruppen (bzw. kreative Schreibseminare) die Methodik ergänzen. Eigene Schreibversuche erweitern das Verständnis für die Entstehungsprozesse von Literatur. Die verschiedenen Techniken und Stilmerkmale der Literaturgeschichte werden nachvollziehbarer, wenn man sie selber schreibend nachvollzieht und so die Forschung ergänzt. Eigenes Schreiben von Studierenden bezieht sie außerdem emotional stärker in die Lerninhalte der Seminare ein und steigert so die Studienmotivation. Als Fazit dieser Arbeit kann gesagt werden, daß kreative Schreibgruppen in den verschiedensten Bereichen wichtig und sinnvoll sind. Sie sollten sich zukünftig weiter verbreiten, gesellschaftlich stärker anerkannt werden und damit auch Chancen auf öffentliche Förderungen (z.B. in der Wissenschaft und im Kulturbetrieb) haben.

Damit dem nichts im Wege steht, müssen zukünftig meiner Ansicht nach einige Punkte beachtet werden, die sich aus den Darstellungen dieser Arbeit ergeben. Sie werden abschließend zusammenfassend aufgeführt:

- Die Schreibprozessforschung muß die Praxis kreativer Schreibgruppen einbeziehen.
- Anleiter kreativer Schreibgruppen müssen sich kontinuierlich über die Ergebnisse der Schreibprozessforschung informieren und sie in die Methodik ihrer Gruppen einbeziehen.
- Kreative Methoden können den Umgang mit Schreibblockaden erleichtern. Sie sollten auch in solchen Gruppen bekannt gemacht werden, deren Mitglieder schwerpunktmäßig an den handwerklichen Aspekten ihrer Texte arbeiten wollen. Das gilt insbesondere auch für das wissenschaftliche Schreiben.
- Kreativität ist kein Wundermittel. Die Befürworter kreativer Schreibgruppen dürfen nicht der Versuchung erliegen, das Schreiben mit Hilfe kreativer Methoden als mühelos darzustellen. Damit werden sie unseriös und schaden allen anderen Gruppen auch.
- Kreativität darf Bildung nicht ersetzen, sondern muß sie ergänzen. Intellektuelle Arbeit darf im Kontext der Kreativität nicht als unnötig und schlecht dargestellt werden.
- Leiter von Schreibgruppen müssen mit den Gesetzen der Gruppendynamik vertraut sein, damit die Gruppe zu einer sinnvollen Unterstützung der Schreibprozesse ihrer Mitglieder werden kann.
- Die US-amerikanischen Erfahrungen, insbesondere die der WAC-Bewegung, müssen ausgewertet werden und in die Schreibgruppenarbeit einfließen.
- Aus der Literaturgeschichte müssen die Ideen, Erfahrungen und Postulate literarischer Geselligkeit bewahrt werden und in die Schreibgruppenarbeit einfließen.
- Die in der DDR entwickelten Ideen zum Sinn einer literarischen Laienkultur müssen kritisch aufgearbeitet werden. Schreibgruppen können sich auf sie berufen und sie publik machen.
- Die Frage nach der literarischen Qualität und dem Sinn einer Bewertung von Laientexten muß weiter diskutiert werden. Eine Aufgabe von Schreibgruppenleitern sollte es sein, behutsame und dennoch anspruchsvolle Methoden der Textarbeit zu entwickeln.
- Die verschiedenen Richtungen des kreativen Schreibens müssen deutlich voneinander abgegrenzt werden. Anbieter von Gruppen müssen klarstellen, wie sie arbeiten. Dabei ist es wichtig, die verschiedenen Richtungen grundsätzlich zu akzeptieren.
- Die verschiedenen Funktionen des Schreibens müssen trotzdem in allen Ansätzen berücksichtigt werden. Die Schwerpunkte der Gruppen ergeben sich aus der Wichtung dieser Funktionen.
- Die Vertreter der verschiedenen Richtungen müssen stärker in einen Dialog miteinander treten, um die Schreibgruppenarbeit weiterzuentwickeln. - Der kulturelle Wert kreativer Schreibgruppen darf nicht mehr länger nur an deren Produkten gemessen werden. Die verschiedenen Funktionen von Schreibprozessen und die Wichtigkeit des Spiels für die menschliche Kultur sind einzubeziehen.
- Wenn Schreibgruppen ernst genommen werden wollen, dürfen sie nicht so tun, als lebten sie in einer Welt ohne Massenmedien. Vielmehr können sie diese Medien bewußt einbeziehen, ihre Stärken aus ihnen begründen und die Medien zudem nutzen, um sich publik zu machen.
- Die Literaturwissenschaft muß die praktische Erprobung von Schreibprozessen als sinnvolle Ergänzung von Forschung und Lehre akzeptieren.

Aus diesen Punkten wird ein Bedarf sichtbar, den man in der DDR schon einmal erkannt, aber nicht weiter verfolgt hatte: es ist an der Zeit, eine fundierte Ausbildung für Schreibgruppenleiter anzubieten. Bisher sind diese in Deutschland Autodidakten, die ihr Wissen vor allem aus eigener Schreiberfahrung in der Praxis entwickeln und allenfalls ergänzende Weiterbildungen besucht haben. Eine umfassende Ausbildung muß alle oben angeführten Punkte einbeziehen, deren praktische Umsetzung (etwa durch Praktika in verschiedenen Schreibgruppen und die Anleitung und Auswertung eigener Gruppenangebote) aber gleichwertig einbeziehen. Ich halte diesen Punkt für sehr wichtig, denn es besteht die Gefahr, daß kreative Schreibgruppen in den Ruf der Unseriosität kommen, wenn keine Weiterentwicklung stattfindet. Und eine Weiterentwicklung ist dem Phänomen des kreativen Schreibens in der Gruppe wirklich zu wünschen!

© Katrin Girgensohn

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